Was mich trägt
Kindergartenfestpredigt

Gehen Sie ins Fitnessstudio? Stählen Sie Ihre Oberarme an Gewichten und Hanteln? Wenn ja, dann gehören Sie zu den ca. 9,5, Millionen Menschen in Deutschland, die Mitglied einem der ca. 7-600 Fitnessclubs in unseren Landes sind. Wenn Sie kein Mitglied sind und trotzdem gute Oberarme haben, dann haben Sie vermutlich einfach kleine Kinder.

Eigentlich glaube ich, wenn ein viel größerer Anteil der Lebensspanne von Erwachsenen in unserer Gesellschaft mit der Geburt von Kindern gefüllt wäre, dann käme die Fitnesscenterindustrie in enorme wirtschaftliche Zwänge. Und das läge nicht nur daran, dass Eltern kleiner Kinder kaum die Zeit finden, neben Wickeln, Waschen, Aufräumen, Aufpassen, dem gelegentlichen Weg zur Arbeit und dem Wunsch, zwei bis drei Sätze am Tag mit dem Partner zu wechseln, keine Zeit finden für die Stunde Work-Out im Studio. Sicher gibt es auch diesen Zusammenhang. Aber ich glaube, viel entscheidender wäre, dass Eltern kleiner Kinder das Bedürfnis nach Hantel stemmen und Gewichte heben darum gar nicht so stark verspüren, weil sie ja den ganzen Tag lang mit einem Gewicht auf dem Arm herumlaufen. Was trägt man sein Kind nicht alles herum in den ersten Lebensjahren. Nachts hebt man es aus dem Kinderbett ins Ehebett, damit es trinken kann. Morgens hebt man es auf die Wickelkommode, dann in den Kindersitz am Esstisch, dann auf die Bank zum Schuhe-Anziehen, dann in den Kindersitz von Auto oder Fahrrad, dann am Wochenende ins Trageteil für die Wanderung durch den Nordschwarzwald. Und natürlich hebt man es auf, wenn es auf dem Spielplatz hingefallen ist, wenn es beim Laufradfahren hingefallen ist, wenn es beim Toben im Garten hinfallen ist… Was hebt man sein Kind nicht ständig herum und trägt es von hier nach dort.

Ein kleines Kind wird vor allem von seinen Eltern getragen, manchmal von den Erzieherinnen und wenn es große Geschwister hat, auch von diesen. Aber wer trägt eigentlich die Eltern? Wer trägt die Erzieherinnen? Wer trägt eigentlich mich?  

Wir haben als Lesung diese seltsame Geschichte von der Sturmstillung gehört. Jesus ist mit seinen Jüngern unterwegs. Es wird Abend und er zieht sich zurück auf einen Berg, um zu beten. Wie vielen von uns, die wir wandern, klettern, Rad fahren, ist der Berg für Jesus ein Ort besonderer Gottesnähe. Seine Jünger schickt er schon einmal vor, damit sie mit dem Boot über den See Genezareth fahren. Es gibt keine Zeit zu verlieren und am nächsten Tag wird wohl der Predigtdienst auf der anderen Seite des Sees fortgesetzt werden. Mitten auf dem See, viele Stadien, also schon Kilometer vom Ufer entfernt, kommt nun das Boot in Bedrängnis. Es wird von den Wellen und vom Wind, wie es im Griechischen heißt, regelrecht  gequält. Die im gequälten Boot sitzenden Jünger müssen lange in ihrer eigenen Qual und Angst verharren, bis die Rettung kommt. Zur vierten Nachtwache, zwischen 3 und 6 Uhr, kommt sie endlich. Vom Ufer her, das die Jünger aus dieser Entfernung bei diesem Wetter wohl kaum werden erkennen können, läuft Jesus auf sie zu. Es muss finster sein, bei diesem Sturm erhellt kein Mond die Nacht, vielleicht erkennen sie darum in dieser Gestalt, die übers Wasser läuft, zuerst ein Gespenst. „Ich bin es“, sagt Jesus und klärt die ungewöhnliche Situation scheinbar auf. Nur, dass es jetzt noch viel ungewöhnlicher wird. Denn Petrus, der erstberufene unter den Jüngern, Petrus, der immer als Vorbild jedes einzelnen Christen dargestellt wird, der ergreift die Chance. „Wenn Du es bist, dann lass mich auch auf dem Wasser laufen.“ Gesagt, getan, Jesus ruft Petrus, Petrus steigt mitten im Sturm aus dem Boot und läuft auf Jesus zu. Und zwar eine ganze Weile. So lange, bis er sich der Absurdität dieser Situation bewusst wird. So lange, bis er realisiert, was er da gerade macht. Da verlässt ihn seine Zuversicht und Selbstsicherheit und er versinkt in den Wellen. Jesus nimmt ihn an die Hand, er rettet ihn und zieht ihn zu sich. Gemeinsam steigen sie in das Boot, um das herum sich der Sturm legt und das zurückkehrt in ruhige Gewässer.    

Was machen wir mit dieser Geschichte? Wie deuten wir sie und legen sie aus? Wie versuchen wir sie zu verstehen als eine Geschichte, die uns etwas zu sagen hat?

Wir können uns natürlich naturwissenschaftlich an die Sache nähern. Dann sagen wir, die Dichte des Körpers muss der Dichte des von ihm verdrängten Wassers entsprechen, dann schwebt der Körper auf dem Wasser. Ein beladenes Schiff wiegt zwar mehr, als ein ungeladenes Schiff,  es verdrängt aber auch mehr Wasser, weshalb es schwimmt. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt an dem die Mehrlast nicht mehr einer Mehr-Verdrängung korreliert und das Schiff versinkt. Positiv gesprochen ist das das Prinzip der Flutung von Ballasttanks von U-Booten.
Auf Petrus gesprochen heißt das aber, wenn er auf dem Wasser läuft, ist die Verdrängung beinahe Null, nämlich nur das bisschen, was die Füße im Wasser sind. Sein Gewicht bleibt bei ca. 70 Kg, also muss er untergehen. Auf diese Weise wäre zwar bewiesen, dass es einem Menschen unmöglich ist, auf dem Wasser zu laufen. Aber was der Text der Bibel mit uns zu tun hat, wissen wir immer noch nicht.

Also nähern wir uns über die Kunst. Wobei die Frage, ob das Buch von Gerhard Haderer, Das Leben des Jesus, Kunst ist, um die Jahrtausendwende in Österreich zu größten Diskussionen geführt hat. Haderer hatte im Jahr 2002 ein Comic veröffentlicht, in dem die Geschichte von Jesus dargestellt wird. Als kleines Kind sei er in eine Weihrauchschwade gekommen, die ihn habe erstrahlen lassen. Nicht zuletzt, weil Weihrauch laut dem Buch THC enthalte. Jesus sammelt die zukünftigen Kirchenfürsten um sich, die aus seinen Wundern guten Profit schlagen können. Wobei sich die Wunder alle sehr leicht erklären lassen. Dem blinden Schneider mit dem langen weißen Zopf zieht Jesus die Sonnenbrille aus und er kann wieder sehen. Und auf dem See wandelt er nicht, sondern surft gechillt auf einem Stück Treibholz. Auch das eine Deutung der Geschichte.

Aber auch das eine Deutung, die uns so weit nicht bringt. Dabei legt schon der Bibeltext selber die Richtung an, in die wir gehen können. Denn der Text selber scheint gar nicht den Anspruch zu hegen, eine wahre Geschichte zu berichten. Viel zu viele Querverweise gibt es da zu den Psalmen, viel zu viele Anleihen an antiken Erzählvorbildern. Ja, der Text selber ruft uns schon zu, ihn metaphorisch zu betrachten, ihn auf uns selber zu übertragen. In Petrus sollen wir erkennen, was uns selber bedroht: Tod, Ungesichertheit, Unglaube, Feindschaft, Krankheit, Schuld. Und mit Petrus können wir uns fragen, was uns eigentlich trägt. Was trägt uns durch ein Leben, das an so vielen Stellen gefährdet ist? Vier Antwortmöglichkeiten möchte ich anschauen und auf ihre Tragfähigkeit hin abklopfen:  

                Ich  weiß, wenn die Kirche vom Geld redet, dann wird sie moralisch und wird schnell zur Karikatur dessen, was Friedrich Nietzsche in seinem Antichristen beschrieben hat. Da sind die Priester, die zwar klug, aber nicht stark sind. Normalerweise werden die Starken reich und mächtig. Weil aber auch  die schwachen Priester reich und mächtig sein wollen, reden sie den Starken ihre Stärke schwach und machen ihnen ihren Reichtum madig. Dann geben die Starken ihren Reichtum den Religionsgemeinschaften, aus denen sich die Priester Reichtum und Macht ziehen.
Nein, ich will Ihnen, sodenn Sie ein gutes Einkommen haben, dieses nicht madig machen. Ich weiß ja selber, wie sehr einen eine gute finanzielle Basis tragen kann. Das Leben lebt sich einfacher, wenn man auf die Portokasse zurückgreifen, um die kaputte Waschmaschine durch eine neue zu ersetzen. Wenn man keinen Kredit aufnehmen muss, um den Kindern ordentliche Kinderzimmermöbel oder die Teilnahme am Skilandheim zu finanzieren. Es ist erst einmal nicht Schlechtes daran, ein Einkommen zu haben, das einen durch die Bedürfnisse und Anforderungen des Lebens trägt.
Ob ein Einkommen das allerdings kann, liegt nicht nur an seiner absoluten Höhe, sondern auch an der Anzahl der finanziellen Verpflichtungen, die man im Aufbau seines Lebenswandels eingeht. Hier, und das kann ich Ihnen als Pfarrer nicht ersparen, liegt dann das große „Aber“. Es kann mich tragen, ein gutes Einkommen zu haben. Aber was passiert, wenn ich so große finanzielle Verpflichtungen eingehe, dass ich auf mein Einkommen angewiesen bin? Und was passiert, wenn dann durch einen Unfall oder durch die Konjunktur, durch die Krankheit meiner Kinder oder meiner Eltern ich dieses Einkommen nicht mehr bekomme? Was mache ich dann? Ist diese Vorstellung so jenseits des Vorstellbaren, dass ich mein Einkommen, meinen Finanzen wirklich als meinen tragenden Grund betrachten will? 

                Nun gut, ich könnte ja sagen, nicht mein Einkommen, nicht mein finanzielles Vermögen, sondern mein ein Können, mein körperliches und geistiges Vermögen tragen mich. Mit meiner guten Ausbildung finde ich doch überall einen Job. Mit meinen Unternehmensgeist baue ich eben die nächste Firma auf. Mein Gründergeist wird mich schon wieder aufrichten, auch wenn wir hier nicht im Silicon Valley sind. Und wer sich in diesem Land bemüht und anstrengt, wird so leicht nicht abgehängt werden.
Dass dieses simple Denken sich nur noch in den Archiven des vergangenen Neoliberalismus findet, ist vielleicht eine der größten Errungenschaften der letzten Jahre. Denn das ist ja das, was die Finanzkrise im Jahr 2008 deutlich gezeigt hat: im Herzen des Neoliberalismus, im von der Realwirtschaft abgekoppelten Finanzmarkt regiert nicht das Können und das Geschick Einzelner, die darum berechtigterweise als die Reichsten das Parkett der Börse verlassen. Im Herzen des Finanzmarktes herrscht der pure Zufall, der die eine Bank kollabieren lässt, während die andere sich über die Klippe rettet. Der pure Zufall oder die viel beschworene unsichtbare Hand, von der sich ihr Schöpfer Adam Smith selber sehr sicher war, dass es die Hand Gottes ist, die auch diesen Bereich lenkt.

Die neuesten Jugenduntersuchungen zeigen, dass die heutige Jugend ein klares Bild davon hat, was sie trägt. Sie fühlt sich getragen von ihren Familien und noch viel mehr von ihren Freundeskreisen. Die Rede von der Desozialisierung unserer Jugend, von ihrer Privatisierung oder ihrer, ich wechsle wieder ins Griechische, Idiotisierung , die sich für nichts anderes interessiert als für ihren Youtube-Kanal und die Gelegenheit, eine Runde mit dem Smartphone in der Hand und zehn verschiedenen gleichzeitig geführten Chats auf Whats-app, Instragram, Snapchat zu chillen, ist mehr die Vorstellung einer alt werdenden Elterngeneration, als die tatsächliche Einstellung von Jugendlichen. Das muss doch tragen, der Zusammenhalt zwischen Freunden und Sportskollegen.  Interessanterweise bleibt diese Einstellung stabil und scheint sich auch immer wieder zu bewahrheiten, obwohl sich die Scheidungszahlen der Eltern dieser Jugend nicht ändern, sondern gleichbleibend hoch sind.

Was trägt mich durch mein Leben? Was Jugendliche im Zusammenhalt der Gruppe suchen, ist die Lebensgewissheit, die Überzeugung, auf die lange Jahrhunderte unserer Kulturgeschichte der Glaube an einen Gott oder an verschiedene Götter ein Monopol hatte. Religionswissenschaftlich gesprochen ist Religion ja genau diese Bearbeitung der Zufälligkeiten des Lebens. Religion entsteht menschheitsgeschichtlich auch an der Stelle, wo wir vom Schrecken, der immer wieder in unser Leben einbricht, so verängstigt sind, dass wir am liebsten weglaufen würden. Aber wir bleiben doch stehen und schauen auf den Schrecken, weil er uns so fasziniert und anzieht. Es ist kein Zufall, dass die frühen Götter der Menschheitsgeschichte oft Wettergötter waren, die in den Blitzen des Gewitters wahrgenommen wurden. Aber je mehr wir lernten, die Phänomene der Natur, je mehr wir lernten, die Regungen der Seele zu deuten und zu verstehen, je weniger Platz blieb für den Glauben. Je schwieriger wurde es, den Glauben an Gott als tragenden Grund unseres Lebens zu verstehen.

Was ist die Konklusion, was das Ergebnis dieser Gedanken? Wir wissen, dass wir uns nicht selber tragen können. Wir sind ja nicht Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht. Wir wissen, dass wir etwas außerhalb von uns brauchen, das uns trägt. In unserer christlichen Tradition nennen wir das Gott. In unserem christlichen Glauben sind wir uns sicher, dass Gott uns trägt. Als moderne Menschen wissen wir aber auch, dass Gott uns durchaus tragen kann durch die Dinge, die wir in unserem Leben konkret anders erfahren als einen alten Mann mit Rauschebart auf einer Wolke. Gott kann uns tragen durch das gute Einkommen aus unserer Arbeit, das uns ein gutes Auskommen sichert. Gott kann uns tragen durch die vielen körperlichen und geistigen Begabungen, die er uns geschenkt hat und mit denen wir unsere ganz eigene Welt und Umwelt gut gestalten können. Gott kann uns tragen durch unsere Familie, durch unsere Freunde, die uns in den schweren Zeiten unseres Lebens beistehen. Gott kann uns tragen durch unseren Glauben an ihn.  

Und doch kann es uns geschehen, wie es Petrus ergangen ist. Da laufen wir durch den Sturm des Lebens, getragen von Gott in seinen vielen Gestalten. Aber an einem bestimmten Punkt schauen wir doch nach unten. Fangen wir doch an zu zweifeln. Fragen wir uns doch, ob das physikalisch gerade möglich ist, dass wir auf dem Wasser laufen. Und schon verflüchtigt sich das Wunder im Sturm. Schon sind wir zurück in der Welt mit ihren Gesetzen. Schon packt uns das Wasser und zieht uns herab in die Tiefe. Da ist es gut, wenn wir neben aller Hoffnung darauf, dass wir getragen werden, doch auch ein wenig schwimmen können. Da ist es gut, wenn wir ein paar Züge Kraul oder Brust als Notfallprogramm drauf haben oder wenigstens den toten Mann machen können.

Solange, bis da einer kommt, der wunderlich und wunderbar noch getragen wird auf dem Wasser. So lange, bis da einer kommt, der uns herauszieht. Und dann können wir schauen, ob wir in dem, der uns da rauszieht, nicht Jesus erkennen. Und wenn wir in ihm Jesus erkennen, wenn Gott uns aus der Tiefe holt, werden wir wie die kleinen Kinder, die dort ihre Mutter sehen und ihren Vater, die sie auf den Arm nehmen und trösten. Ich bin mir sicher, Gott geht nicht ins Fitnessstudio und ist doch stark genug, uns und unsere Kinder zu tragen.

Amen.

 

 


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