Kleider machen Leute
Konfirmationspredigt 2016

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

Kleider machen Leute. Hinter diesem kurzen Satz verbirgt sich die simple Wahrheit, dass wir Menschen unterschiedlich wahrnehmen, unterschiedlich beurteilen und unterschiedlich behandeln, je nach der Kleidung, die sie tragen. Wir kennen dieses Phänomen, das ja in etlichen Märchen und Novellen beschrieben wurde. So gelingt es dem gestiefelten Kater, für seinen Herrn eine kostbare Garderobe zu ergaunern, und schon kann er ihn als einen Fürsten präsentieren. Oder der Schneider, der in der Geschichte unter dem Titel „Kleider machen Leute“, verarmt, vereinsamt und schwermütig, aber gut gekleidet in einer Schweizer Stadt ankommt. Und weil er solch gute Kleidung trägt, ist allen Bewohnern klar, dass es sich hier um einen polnischen Grafen auf der Flucht handeln muss. Auch in dem Theaterstück, das wir am Beginn unserer Konfirmationszeit im Jungen Schauspiel vom Staatstheater gesehen haben, gab es eine solche Verwandlung. Da macht sich Pakkutaq auf den Weg in ein neues Leben und findet dieses, indem er die Kleider und die Identität von Jonathan anzieht. Und alle, die ihn in der neuen Kleidung sehen, erkennen auch nur Jonathan, und Pakkutaq ist mit seinen Kleidern in der kalten Nordsee untergegangen.

Kleider machen Leute. Natürlich müssen Kleidung und Haltung zusammenpassen. Was hilft es einer Konfirmandin oder einem Konfirmanden, sich so anzuziehen, wie es vielleicht seine Umwelt erwartet, aber dann fühlt man sich ganz unwohl, eingezwängt in einen steifen Anzug, dann hält einen das Kleid nicht, das man trägt, dann drücken die Schuhe nicht nur an den Füßen, sondern auch noch aufs Gemüt. Da ist es doch schön zu sehen, dass Ihr Euch heute alle so angezogen habt, dass Euch die Kleidung zu den selbstbewussten jungen Menschen macht, die Ihr seid.

Kleider machen Leute. So, wie dieser Satz in der Literatur verarbeitet und geprägt wurde, kann man ihn aber auch anders herum literarisch begreifen. Er funktioniert in beide Richtungen. Denn man kann durchaus auch den Charakter von Menschen in Kleidungsstücken ausdrücken. Bzw., man kann Charaktereigenschaften ankleiden und mit einem bestimmten Outfit versehen. Und je nach Garderobe, die wir einem Charakterzug geben, identifizieren wir uns mit diesem, wenn wir sein Äußeres an uns erkennen. Und dann wiederum kann man diese Charaktereigenschaften, umgewandelt in Kleidungsstücke, dem Menschen anlegen und ihn einkleiden. Das macht literarisch gesprochen der Apostel Paulus, wenn er in seinem Brief an die Gemeinde in Kolossä die Christen mit sechs Charakterkleidern anzieht. Wie er das macht, das steht im heutigen Predigttext. Dort heißt es:

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.

Das sind ja ganz unterschiedliche Wesenszüge, die Paulus den Christen als Kleidungsstücke anzieht. Herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Erst einmal sind es diese fünf Kleidungsstücke oder Outfits als Unterkleider. Und dann weiß Paulus noch um einen Mantel, um ein Oberteil, das immer passt und das man immer tragen sollte, wenn man aus dem Haus und vor die Tür geht: das ist die Liebe.

Mit den Jugendlichen, die als schon Konfirmierte in der Konfizeit immer mal wieder mitgeholfen und die Konfirmanden begleitet haben, bin ich diese Charakter-Kleidungsstücke durchgegangen und habe versucht, sie mit den Kleiderschränken unserer Konfirmanden zusammenzubringen. Wir haben uns also gefragt, wie die Charaktere wohl aussehen könnten, die den Christen kleiden: Herzliches Erbarmen, Demut oder Geduld. Und wenn wir diesen Begriffen ein aktuelles Outfit verleihen, dann bekommen wir vielleicht vor Augen, was es heißt, wenn wir uns diese als Christ anziehen.

Ich frage mich immer, ob die Knie nicht kalt werden, wenn der Wind im Winter durch die Löcher in der Hose pfeift. Aber das muss so sein, lasse ich mich dann belehren, und außerdem frieren die Knie durchaus nicht, sondern sind wunderbar gewärmt, weil der Rest der Hose ja wärmt. Also gut, dann mag es so sein. Es bleiben also die Löcher in der Jeans und ein besonderer Blick auf das Leben: Herzliches Erbarmen. Die beiden griechischen Wörter, die Paulus im Brief an die Kolosser verwendet, sind gar nicht so leicht zu übersetzen. Deshalb steht da dieses sperrige „Herzliche Erbarmen“. Das könnte auch so etwas heißen wie: ein Mitgefühl für den Anderen, das ganz tief aus dem eigenen Innern kommt. Vorgestellt als Person, trüge dieses tiefe Mitgefühl vermutlich tatsächlich Jeans mit Löchern. Denn sie würde damit zum einen zeigen, dass sie sich selber gar nicht so wichtig nimmt. Wer kümmert sich schon um die eigenen Zipperlein, wenn er seinen Blick gerichtet hat auf den Andern und sein Leid? Und zum andern würde sie damit zeigen, dass sie das Leid und das Leiden des Andern in den Löchern der eigenen Jeans mitträgt.

Ob Löcherjeans und weite Pullis mit Kapuze in einem Outfit zusammenpassen, darüber müssen Andere urteilen, ich bin kein Modekritiker und Ihr Konfirmanden wisst, warum ich so selten Germanys Next Topmodel schaue. Ich weiß nur, dass der weite Pulli den Jugendlichen eingefallen ist, als sie sich überlegten, welches Outfit wohl Freundlichkeit tragen würde. Und eben, Freundlichkeit braucht einen solchen Pullover. Denn wer ein solches Kleidungsstück trägt, der hat etwas Gemütliches und Gutmütiges an sich. Der kann sich in seinem Pullover verkriechen, der kann seinen Pullover dem geben, der friert, der kann aus seinem Pullover eine Packung Kaugummis herausholen und verteilen. Ist das nicht freundlich?

Aber weil Freundlichkeit immer versucht, sich am Anderen auszuleben, weil Freundlichkeit immer versucht, dem Anderen gut zu tun, ist sie in gewisser Weise auch aufdringlich. Vielleicht so aufdringlich, wie der große Aufdruck, der gerne einmal auf einem weiten Pulli ist.

Ganz anders ist da die Demut. Die Demut kleidet sich in einer schlichten Hose und in einem Basic-Shirt. Die Demut will einfach mal nicht auffallen. Sie muss sich nicht immer in den Vordergrund stellen und muss nicht immer in erster Reihe stehen. Teil eines Ganzen sein. Rädchen in einer Maschine, ein Rädchen, ohne das es nicht geht, das aber nicht immer im Mittelpunkt stehen muss. Auch das ist eine Tugend, die zu den Möglichkeiten eines Christen gehört.

Insofern ist die Demut mit der Sanftmut verwandt. Die Sanftmut, das ist das Mädchen im Spaghetti-Träger-Kleidchen mit Riemensandälchen, das im Sommer über die Wiese läuft und sich über die Blumen freut. Das auf dem Schulhof steht und den anderen zuschaut, die ihre Späßchen und Spielchen machen. Die Sanftmut, das ist: es auch mal gut sein lassen, bzw. das Gute im Sein lassen und dabei zusehen.

Aber wer das machen will, der braucht Geduld. Wer sich immer wieder auf die Suche nach dem richtigen Outfit macht, der muss geduldig sein. Wobei Geduld selber ein Outfit tragen kann. Es gibt z.B. Kleider, habe ich in den letzten Tagen gelernt, die man hinten am Rücken schnüren muss. Das ist gar nicht so einfach, braucht Zeit, sieht dann aber toll aus. Wobei: Wer solch ein Kleid trägt, dem kann es auch einmal eng werden, dem kann es sich schon einmal anfühlen wie ein einschnürendes Korsett. Und dann hofft man, sich befreien zu können, und mit der Bewegungsfreiheit des Körpers auch wieder die des Geistes und des Herzens zu erlangen.

Wir sehen, wer im Sinne von Paulus als Christ leben will, der hat seinen Kleiderschrank gefüllt mit den verschiedensten Outfits, die ihm zur Wahl stehen. Wer im Sinne von Paulus als Christ leben will, der kann wählen zwischen ganz unterschiedlichen Kleidern. Wobei ich mir sicher bin, dass neben den fünf schon genannten Outfits, dem herzlichen Erbarmen, der Demut, der Sanftmut, der Freundlichkeit, der Geduld, in Euren Kleiderschränken noch viel mehr Kleider hängen, die Ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, in Eurem Leben als Christen noch werdet anziehen und ausprobieren können. Da werdet Ihr noch manches Schmuckstück aus Nächstenliebe finden, das Ihr anziehen könnt. Oder es liegen da manche goldene Ketten des Zweifels und Nachdenkens, ohne die man nicht durch das Leben als Christ kommt. Manches schön bedruckte Shirt voller Lebensweisheit liegt zusammengelegt auf einem Stapel und manch wärmender Schal oder schützender Schuh findet sich, der Euch sicher durch Euer Leben trägt.

Das Beste ist: Ganz egal, was Ihr auch anziehen werdet in den nächsten Jahrzehnten Eures Lebens; ganz egal, für welches Outfit Ihr Euch an welchem Tag auch immer entscheidet; wenn Ihr dann aus der Tür geht und die Welt und das Leben betretet, dann hängt da neben der Tür der Mantel der Liebe, der Zuneigung Gottes zu Euch, der Hinwendung Euer Umwelt zu Euch, Eurer Liebe zu den Menschen, der euch umhüllt und Euch kleidet. Denn die Liebe steht jedem gut.

Dass Ihr immer wieder das richtige Outfit für Euer Leben findet, und dass der Mantel der Liebe Euch immer passen wird, das wünsche ich, und mit mir die Gemeinde, Euch heute sehr.

Amen


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