Glauben als binärer Code?
Predigt im Sommer

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Nein, liebe Gemeinde, dies sind nicht die Ergebnisse des KSC, die Sie in den nächsten vier Wochen erwarten. Vielmehr habe ich Ihnen ein beliebiges Byte vorgelesen. Ein Byte, das ist, wenn ich das richtig verstanden habe, die Anordnung von acht Bit. Ein Bit wiederum, das ist die erste Entscheidung zwischen zwei Zuständen. Wie bei einem Lichtschalter. Aus – An. Null – Eins. Nein – Ja.

So ein binärer Code erleichtert ja erst einmal die Arbeit und systematisiert das Denken. Es macht mir das Leben leichter, wenn ich am Anfang eines Denkprozesses erst einmal nur zwischen Ja und Nein entscheide. Wenn ich erst einmal nicht mit den Zwischentönen und den Graustufen des Lebens umgehen muss. Es macht mir das Leben leichter, wenn ich es mathematisch erklärbar und verstehbar mache und wenn ich damit auch mich selber und mein Weltverstehen mit dem des Anderen austauschen und vermitteln kann.

Um es in einem Beispiel auszudrücken: Natürlich kann ich mir ein Fußballspiel objektiv anschauen in Hinblick auf die Taktiken der Mannschaften, kann die Laufwege der einzelnen Spieler analysieren, kann deren individuelle Technik bewerten. Oder ich schaue ein spiel im Modus des Ja-Nein an und schimpfe über den bösen Schiedsrichter Gräfe, ärgere mich über den HSV, dessen Spieler alle arrogante Schnösel sind, die den Abstieg verdient hätten und leide mit den armen Jungs des KSC. Natürlich, die zweite Sichtweise vereinfacht die Welt schon fast zu sehr. Aber auf der anderen Seite: Um was geht es denn im Fußball, dass wir uns diese Vereinfachung des Denkens nicht erlauben sollten?

Die Anwendung des binären Codes, die Anwendung der An-Aus-Kategorie im Denken. Der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann hat vor 20 Jahren diese Anwendung im Bereich der Religion untersucht. In seinem Buch „Moses der Ägypter“ verfolgt er die Spur des binären Codes im religiösen Denken und Fühlen unserer Kultur. Er stellt fest, dass es dieser Code ist, der unsere geistige Welt prägt und der unser Denken lenkt. Geschichtlich verbunden wird er mit der Figur des Moses, die eine so wichtige Position in unserer Bibel einnimmt. Assmann kann sagen: „Die Unterscheidung, um die es mir geht, ist die Unterscheidung zwischen wahr und unwahr in der Religion. Ich möchte sie die Mosaische Unterscheidung nennen, weil die Tradition sie mit Moses verbindet. Der Raum, der durch diese Unterscheidung zuallererst geschaffen wird, ist der Raum des jüdisch-christlich-islamischen Monotheismus. Es handelt sich um einen geistigen oder kulturellen Raum, der durch diese Unterscheidung konstruiert und von Europäern nunmehr seit fast zwei Jahrtausenden bewohnt wird.“ Mose, so Assmann, hat unsere gesamte Welt dem binären Code unterworfen. Und weil er und weil alle Religionen am Ursprung der Welt und die Welt umfassend die Sphäre des Göttlichen sehen, darum bezieht sich der binäre Code zuallererst auf Gott. Das alte Denken war geprägt von der Vorstellung, in dieser Sphäre gäbe es stetige Aushandlungsprozesse zwischen göttlichen Wesen. Wenn man Homers Ilias liest, dann merkt man schnell, dass es nur vordergründig um den Krieg zwischen Griechen und Trojanern geht. Und auch wenn Brad Pitt den Achill ganz wunderbar darstellt, übersehen doch auch die neueren Filme vollkommen, dass da nur ein Stellvertreterkrieg der Kämpfe zwischen den Göttern stattfindet. Und welche Menschenpartei gewinnt, hängt davon ab, welcher Gott, welche Göttin sich auf dem Olymp durchsetzen kann.

Mit Mose wird alles anders. Denn Mose schafft den Olymp ab und schließt den Götterhimmel. Mose führt eine Unterscheidung ein, die bis heute wirkmächtig ist. Ja oder Nein. Wahr oder Unwahr. Wenn es bisher hieß: Mein Gott gewinnt und Deiner verliert, so heißt es jetzt: Mein Gott ist wahr, meinen Gott gibt es, und dein Gott ist unwahr, deinen Gott gibt es nicht.

Wer in dieser Unterscheidung lebt, wer dieses binäre Denken vollkommen in sich aufnimmt, der denkt von der Götterfrage bald schon weiter zur Menschenfrage. Deinen Gott gibt es nicht, bedeutet dann nämlich auch schnell: Wenn du beim Glauben an diesen Gott bleibst, den es nicht gibt, dann hast Du dein Recht verloren, zu leben und zu sein. Dein Gott ist unwahr, dein Denken ist unwahr, also bist auch du unwahr, bist du falsch in all deinem Sein.

Wozu dies führt, das sehen wir durch die ganze Religionsgeschichte hindurch. Vor 600 Jahren wurde Jan Hus in Konstanz verbrannt, weil er es wagte, zu behaupten, Gott sei anders, als die Papstkirche und die Konzilien ihn darstellten. Martin Luther blieb dieses Schicksal vor knapp 500 Jahren erspart. Er durfte in Frieden sterben. Aber wie viele Menschen wurden in den Jahren der Reformation hingerichtet oder fielen Kriegen zum Opfer, die ausbrachen, weil eine Partei sagte: Euer Denken ist unwahr. Ihr habt keine Existenzberechtigung. Und auch heute wieder mordet sich ein sogenannter Islamischer Staat durch den Nahen Osten, immer auf der Suche nach Menschen, die nicht in den binären Code dieser religiös verirrten Gruppe passen und die es zu eliminieren gilt.

In diesem Zusammenhang muss man die Anfrage des Schriftgelehrten sehen, die dieser an Jesus stellt und die uns das Markusevangelium überliefert. Jesus ist inzwischen in Jerusalem angekommen und lehrt nun dort am Tempel. Es versammeln sich die Menschen, die Jünger, die Schaulustigen und die Hohepriester und Schriftgelehrten. Sie hören ihm alle zu und versuchen, seine Lehre einzuordnen. Vor allem die Tempelelite ist gespannt. Sie schicken immer wieder Leute vor, um Jesus zu prüfen, um ihm Fragen zu stellen. Zuerst kommen die Pharisäer, dann die Sadduzäer. Allen antwortet Jesus auf gute Weise. Als letztes kommt ein Schriftgelehrter, der beeindruckt von Jesu Antworten noch eine letzte Frage hat:

Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften«. Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

Wieder der binäre Code. Wieder die Aufforderung, sich in diesem einzupassen. Welches ist das höchste Gebot? Was ist wahr, was ist unwahr? Die Fragerichtung des Schriftgelehrten ist deutlich erkennbar. Er will von Jesus hören, dass dieser auf der richtigen Seite steht. Dass er Ja als Ja beurteilt und Nein als Nein. Dass er weiß, was Null ist und was Eins. Dass er auf der Seite der Wahrheit ist, auf der Seite des wahren Gottes.

Aber Jesus lässt sich nur scheinbar ein auf diese Steilvorlage. Natürlich, er weiß, welche Antwort von ihm verlangt wird. Ja, Gott ist wahr. Ja, es ist nur ein Gott. Ja, es gibt keinen Gott außer Gott. Mit dieser Antwort ist alles klar. Mit dieser Antwort stellt sich Jesus auf die richtige Seite und rückt sich ins rechte Licht. Und er gibt ja auch die richtige Antwort. Mit dem Zitat des S’mah Israel, des alten jüdischen Glaubensbekenntnisses aus dem 5. Buch Mose, stellt er sich auf die Seite der Eins. »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften«. Aber was jetzt passiert, das ist das ungewöhnliche. Denn anstatt es bei der Eins zu lassen, fügt er ihr noch sieben weitere Einsen und Nullen hinzu. Aus der einfachsten Ja-Nein-Entscheidung, aus der simplen Unterscheidung von zwei Zuständen baut er ein Byte. Und dieses gebaute Byte ermöglicht es, immer weiter zu bauen.

Was ist geschehen? Jesus hängt an das Gebot der Gottesliebe das Gebot der Selbstliebe und das Gebot der Nächstenliebe. Er verbindet diese Gebote zu einem dreifachen Liebesgebot. Und er erweitert mit dem Einbezug der Nächstenliebe in die Gottesbeziehung des Einzelnen die Perspektive des Glaubens in die Unendlichkeit der Lebensvollzüge.

Meinen Gott kann ich eventuell noch in der Ja-Nein-Unterscheidung lieben. Wobei uns schon die Klagepsalmen, die Anfechtungen der Propheten oder die Geschichte des Hiob bildlich zeigen, dass es gar nicht immer so einfach ist mit der Gottesliebe. Dass in ein normales Verhältnis zu Gott die Klage und die Anklage Gottes immer eingeschrieben sind. Aber selbst, wenn ich mein Gottesverhältnis noch einigermaßen klar mit o und 1 beschreiben kann, so fällt das bei der Selbstliebe schon schwerer.

Würden wir es nicht schon als pathologischen Narzissmus bezeichnen, wenn ein Mensch sich so sehr liebt, dass er alle Fähigkeit zur Selbstkritik verliert oder verloren hat? Wollen wir einen Menschen ernst nehmen, der zu sich selber nur im Zustand des „Ja“ steht? Und andersherum, wer sich nur als 0 betrachten kann, werden wir nicht alles dafür tun, ihn heilsam aus dieser depressiven Stimmung zu führen?

Und dann erst die Nächstenliebe. Solange ich den Schiedsrichter Herrn Gräfe nur am Bildschirm sehe und nur vom Bildschirm kenne, solange die Spieler der HSV nur Figuren eines medialen Sportzirkus sind, kann ich ja ganz einfach den Stab über sie brechen und dem Bildschirm, auf dem ich sie sehe, ein lautes Nein entgegen schleudern. Aber sobald ich sie persönlich kennenlerne, sobald sie mir leibhaftig gegenüberstehen, erweitert sich doch meine Wahrnehmung von ihnen ins Unendliche. Aus Ja-Nein werden viele Bits und Bytes. Aus der Schwarz-Weiß-Ansicht des Menschen wird ein Bild mit ganz vielen Schattierungen und Graustufen. Nicht mehr die Unterscheidung zwischen Wahr oder Unwahr prägt mein Bild des Anderen, sondern ich sehe ihn genauso wie mich in vielen Zwischentönen und Zwischenfarben. Und wenn ich dann noch das Bild des Nächsten mit der Liebe anmale, in der ich ihm begegne, dann wird es bunt. Dann strahlt mir der Nächste in den leuchtendsten Farben entgegen.

Jesus lässt sich nicht einfangen von der simplen Logik des Wahr-Unwahr. Jesus erweitert die Sicht auf die Welt. Erst da, wo ich von der Feststellung, dass Gott nur einer ist, dazu komme, den Nächsten zu lieben und ihm Gutes zu tun, erst da entsteht vor mir ein Bild der Welt, das bunt ist, das schön anzusehen ist – und das dem entspricht, was dieser eine Gott geschaffen hat.

Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.


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