Von der Herde des Herrn
Predigt zur Konfirmation

„Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.“

Ein wohliges Gefühl durchzieht mich beim Klang dieser Worte. Assoziationen erscheinen vor dem inneren Auge. Erinnerungen drängen ans Licht und sie fühlen sich gut an. Jedenfalls die meisten. Diese Worte, dieses Bild: Gott, der gute Hirte.

Mir fällt Psalm 23 ein. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Mir fällt ein, wie ich ihn im Konfirmationsunterricht auswendig lernen musste. Wie ich stolz - oder war ich doch eher aufgeregt – ich damals, vor 50 Jahren, vor 15 oder vor wenigen Wochen, ich vor dem Pfarrer stand und den Psalm aufgesagt habe. Wie ich danach gesagt bekam, jetzt könne ich konfirmiert werden.
Und auch das fällt mir ein: Wie ich den Psalm auf dem Friedhof hörte, bei der Beerdigung eines geliebten Menschen. Wie ich mir damals vorgestellt habe: Gott nimmt seinen Stecken und Stab und führt damit sanft, aber weisend, den Verstorbenen zu sich in den Himmel.

Gott, der gute Hirte. Mir fällt ein, der Religionsunterricht in der Grundschule. Die Geschichte vom Hirten, der 100 Schafe hatte und eines ging ihm verloren. Da suchte er dieses eine Schaf die ganze Nacht, bis er es wiederfand. Natürlich war mir, natürlich war uns allen klar, wer dieser gute Hirte sei. Dass das Jesus ist, der zu mir hält, auch wenn ich ihm verloren zu gehen scheine. Der gute Hirte, der bei mir ist und mich behütet, wenn ich nachts aus einem Alptraum erwache.

Gott, der gute Hirte. Nicht, dass ich gerne ein Schaf wäre. Aber so ein bisschen Nähe und Geborgenheit, das sichere Gefühl, dass da jemand sei, das schadet doch nicht, das tut doch in vielen Lagen gut.

Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Eia, wärn wir da. Damals in Jerusalem. Jesus redet. Jesus predigt im Tempel. Sagt sie seinen Zuhörern zu, diese guten Worte des Lebens. Noch voller Andacht, noch voller Erinnerung an all die schönen Situationen bleiben wir stehen, im Geiste im Jerusalemer Tempel vor 2.000 Jahren, freuen uns so an der göttlichen Gegenwart Jesu, dass wir kaum mitbekommen, dass es ja weitergeht. Dass Jesus weiterredet:

Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht auf diesem Stall; auch sie muss ich herführen und sie werden meine Stimme hören.

Ein Bruch. Ein anderes Gefühl, das aufkommt. Eine andere Stimmung mischt sich unter das Gehörte. So heimelig, so voller eigener Geschichte und Erfahrung war das Gehörte. Aber plötzlich bricht das Neue, das Unbekannte, das Andere, das Fremde in mein schönes inniges Verhältnis mit Gott hinein. Plötzlich greift das Fremde Raum auch in meinem Leben und fordert mir eine Reaktion ab.

Wie oft ist uns das Fremde begegnet in diesen letzten Monaten, in dieser Zeit, die wir nun auf die Konfirmation zugegangen sind?

Ich denke an den Beginn der Konfizeit. Natürlich, ein paar der Jugendlichen aus der Gruppe kennt man ja. Man sieht sich täglich in der Schule, trainiert zusammen im Sportverein, wohnt in der gleichen Straße. Aber da sind doch auch die Anderen. Diejenigen, an die man sich aus dem Kindergarten oder der Grundschulzeit kaum mehr erinnern kann. Und auch die, die man noch nie gesehen hat, vielleicht weil sie im anderen Ortsteil wohnen oder weil sie erst vor kurzem hier hoch gezogen sind. Da sind die, die einem erst einmal fremd sind. Dazu kommt ja auch der fremde Rahmen. Das Gemeindezentrum im Bergwald, das man, wenn überhaupt von den Kunterbunten Kindersamstagen der Kindheit kennt. Der Konfi-Unterricht, über den man zwar schon gehört hat und der so nach Schule klingt. Und dann ist da doch alles ganz anders, gibt es nicht einmal Tische oder Stühle, sondern alle sitzen auf dem Boden oder den kleinen Kindergartenbänken.

Es gibt Fremdheiten, die sich verlieren, die mit der Zeit aufhören. Es gibt auch Fremdheit, die man gezielt abbauen kann. Ich habe das Gefühl, dass uns das als Gruppe ganz gut gelungen ist. Ihr seid angekommen in der Konfizeit. Ihr habt Euren Platz gefunden in der Gruppe, Eure Kirchenbank im Gottesdienst. Ihr habt Eure Erfahrungen gemacht bei den Kennenlernspielen im September oder bei der Freizeit im Oktober. Das Fremde wird vertraut. Menschen, die man noch nicht kannte, werden zu Freunden, Freundschaften, die man hatte, werden gestärkt.

Wenn es doch nur immer so leicht wäre. Mir kommt eine Debatte über Fremdheit in den Sinn. Sie hat nichts mit unserem Konfi-Unterricht zu tun, aber sie findet nun einmal in denselben Monaten statt. Während wir uns jeden Mittwoch trafen, um das Glauben durchzukonjugieren und gemeinsam den Weg hinaus aus der Fremdheit zu gehen, trafen und treffen sich in anderen Teilen Deutschlands jeden Montag Menschen, die das Gefühl des Fremden kultivieren und pflegen. Mir fallen die PEGIDA-Demonstrationen ein, die die Monate unserer Konfizeit begleitet haben. Auch da ist es das Gefühl der Fremde, das Menschen antreibt. Da treffen sich 10.000 Menschen in Dresden und demonstrieren gegen das Fremde, z.B. gegen einen bösen und feindseligen Islam, der ganz Dresden, ganz Sachsen zu unterwandern scheint – dabei gibt es ihn dort gar nicht. Dresden allein hat ca. 500.000 Einwohner. In ganz Sachsen gibt es aber nur 4.000 Muslime. Was ist denn das? Nicht das tatsächlich Fremde erschreckt diese Menschen und treibt sie auf die Straße. Vielmehr braucht das generelle Gefühl des Missfallens, das diese Menschen prägt, ein Ventil, braucht das eigene Unwohlsein eine Zielscheibe. Was böte sich besser an als das Fremde, das von mir getrennt ist und das auch getrennt bleiben soll? Was wäre leichter, als das Fremde, mit dem man keinen Kontakt hat, zur Ursache des Unwohlseins am eigenen Leben, des eigenen Scheiterns zu machen? Weil man mit sich selber unzufrieden ist, sucht man ein Fremdes, dem man die Verantwortung dafür zuschieben kann.

Das Prinzip ist bestechend einfach und dadurch einfach bestechend. Jeder von uns hat doch diese Seiten an sich, die ihm ganz und gar nicht gefallen. Jeder hat doch seine schwarzen Flecken in der Biografie, die er am liebsten tilgen würde. Wäre es da nicht gut, das Schlechte in mir zu externalisieren, auf ein mir Äußeres zu verlagern und diesem die Verantwortung zuzuschieben? Liebe Jugendliche, Ihr hättet das genauso machen können. Die perfekte Gelegenheit dazu gab es. Anfang März sind vielleicht 70 Menschen auf Eure Einladung hin auf den Bergwald gekommen, um Mittag zu essen. Euphemistisch nennen wir das immer das Essen für Menschen in schwierigen Lebenslagen. Wir könnten auch sagen: da kamen Penner, Hartz-IV-Empfänger, ein paar Obdachlose, ein paar im Leben Gestrandete. Wie leicht ist es, deren Fremdheit auszuspielen. Sich über diese Menschen zu stellen und durch einen Witz über sie den eigenen Gruppenzusammenhalt zu stärken, das Gefühl der eigenen Kraft zu kultivieren.
Aber das habt Ihr nicht gemacht. Ihr habt Euch auf das Fremde eingelassen. Ihr habt die Menschen mit ihren so fremden und fremdartigen Lebensgeschichten gesehen und ernstgenommen. Ihr habt sie bedient, habt ihnen eine schöne Stunde am Sonntag beschert. Und dann habt Ihr Euch zu ihnen gesetzt, habt ihren Geschichten zugehört, habt ihnen Euer Ohr geliehen. Dadurch wurde das Fremde vertraut. Dadurch wurde die Barriere abgebaut. Dadurch habt Ihr das Fremde in Euer Leben integrieren können.

Dadurch habt Ihr Euch selber geholfen. Denn das Fremde, das ist ja immer auch das, was ich bisher noch nicht gedacht habe. Das Fremde, das ist das Neue, das mir bisher noch nicht im Sinn war. Wer seine Sinne öffnet für das Fremde, wer es hineinlässt und in sich wirken lässt, der erweitert sein eigenes Leben. Euer Leben, euer Lebenshorizont ist größer geworden dadurch, dass Ihr Euch auf all das Fremde eingelassen habt, das Euch in den letzten Monaten begegnet ist. Jedes Lernen, jedes Kennenlernen von etwas bisher Unbekannten ist eine solche Erweiterung. Und nur, wer diese Erweiterungen zulässt, kommt in seinem Leben voran.

 

Das ist der letzte Aspekt der Fremdheit, den ich benennen will. Im Leben vorankommen. In die Zukunft schreiten. Die Zukunft als erst noch fremdes Land, das aber offen steht, um entdeckt, um im wörtlichen Sinne erfahren zu werden. Ihr Jugendlichen, aber auch wir Erwachsenen stehen, wenn wir in die Zukunft blicken, vor einem weiten und unbekannten Land. Wer sich in die Zukunft aufmacht, der macht sich auf in ein bisher Fremdes. Und der erlangt die Zukunft als sein Land nur dann, wenn er bereit ist, das Fremde in sein Leben aufzunehmen. Ja, Erwachsen werden, das heißt dann eben auch dies: Dass Ihr immer neu lernt, dass Ihr das Fremde zwar als anders und andersartig wahrnehmt, dass Ihr es aber immer wieder versucht, mit dem Euch bekannten und vertrauten, mit dem Euch eigenen zu vermitteln.

 

Ich stehe wieder in Jerusalem. Ich bin zurück in der Anfangssituation, stehe im Tempel und höre Jesus reden. Ich tauche wieder auf aus meinen Gedanken, in die mich dieser komische Satz mit den anderen Schafen geführt hat. Ich merke, ich erkenne, ich wollte Jesus für mich haben. Ich wollte, dass er mein Hirte ist und mich führt.
Aber ich erkenne nun auch, dass er nicht mein privater Hirte ist, sondern dass er die Klammer ist, die alles umfängt. Ich erkenne, dass Jesus der Hirte für mich und für die Anderen ist. Ich erfahre, dass ich durch und in Jesus das Fremde als gut, als interessant, als entdeckbar und erfahrenswert auffassen kann. Ich gehe aus der Predigt des Jesus heraus in dem Gefühl, Teil eines Ganzen zu sein. Eines Ganzen, das aus verschiedenen Teilen besteht. In dem sich verschiedene Herden befinden. In dem sich diese verschiedenen Herden vielleicht immer auch fremd bleiben müssen. Aber auch eines Ganzen, in dem diese so verschiedenen Herden geeint sind dadurch, dass sie den gleichen Hirten haben. Und darum darf ich mich auf das Fremde einlassen, weil ich doch in ihm auch immer das finden werde, was mich trägt, was mich hält, was mich durch das finstere Tal führt, Jesus Christus, meinen Herrn, Amen.


nach oben Copyright © 2016 - Evangelische Gemeinde Hohenwettersbach-Bergwald