Monotheismus und Toleranz
Predigt im Jazzpel zum Thema Mose

Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Gott spricht zu uns in einem Donnerwort und stellt damit unser Leben auf den Kopf. Wo es im alten Griechenland noch möglich war, menschliche Konflikte als Auswirkungen von Konflikten der Götterwelt auf die Menschenwelt zu sehen, gibt es jetzt einen Gott, ein Wort, eine Wahrheit. Wir haben kein Gemälde mehr vor unseren Augen, in dem wir uns wiederfinden können, sondern nur noch einen Fluchtpunkt, an dem wir uns ausrichten müssen: Der Monotheismus gibt uns eine Ordnung, die keine Konkurrenz duldet. Gott ist absolut, es darf nichts neben und außer ihm geben, er ist alles, alles ist Gott. Nichts in meinem Leben, nichts auf der Welt entkommt mehr dem Fluchtpunkt „Ich bin der Herr, dein Gott“, Gott ist alles.

Was passiert mit denen, die Gott nicht als ihren Fluchtpunkt sehen? Mit denjenigen, die einer anderen Offenbarung folgen? Mit denen, für die es nicht nur einen Gott, ein Wort, eine Wahrheit gibt? Es kann und darf sie nicht geben, denn Gott ist einzig und absolut.

Im Jahr 2013 war das Motto der Lutherdekade „Reformation und Toleranz“. Toleranz ist etwas, das wir Protestanten uns gerne auf die Fahnen schreiben, denn wir haben keinen Papst, der uns sagt, wo es langgeht. Gleichzeitig vertreten wir einen Monotheismus, der sich für strenger hält als der katholische Monotheismus: Gottesmütter, Heilige und andere privilegierte Mittler zwischen Gott und den Menschen akzeptieren wir nicht. Unser Zugang zu Gott ist direkt und ausschließlich. Nicht umsonst sind wir Protestanten uns jeder sein eigener Papst.

Im protestantischen Selbstverständnis ist der Monotheismus „reiner“ umgesetzt als anderswo. Luther hat die monotheistische Revolution Moses wiederholt; mit Luther setzen wir Gott als alleinigen Bezugspunkt unseres Lebens ein und dulden nicht nur keine anderen Götter neben ihm, sondern haben ihm sogar seinen Hofstaat abspenstig gemacht. Wir haben uns ein Bild gemacht von unserem Gott, und in diesem Bild steht er allein, als feste Burg. Er ist unsere Verteidigung gegen das andere, die anderen.

Schön ist dieses Bild, und schön einfach. Es macht vieles leichter: Gott erklären, Gott verstehen,  auf dem rechten Weg bleiben. Aber was, wenn unser Bild von Gott nicht ausreicht? Was, wenn einer da ist, der Gott missversteht, ihn uns falsch erklärt und uns auf einem Irrweg hält? Wenn der Heilige Geistweht: Wo in diesem Bild können wir ihm folgen, wenn wir in einer Burg sitzen und uns gegen alles Äußere, alles Andere verteidigen? Und nicht nur das: Der eine, der uns Gott erklärt, Mose, die Propheten, Luther – sind sie nicht ein bisschen Papst?

Wer von Gott spricht, wer uns Gott nahe bringen möchte, wandelt auf einem schmalen Grat. Welche Position zu Gott nehme ich ein, wenn ich Gott erkläre? Auch wenn Gott immer mein Fluchtpunkt und Gottes Ordnung immer die einzige Ordnung ist, gibt es Unterschiede: Mose verkörpert die Ordnung Gottes, Mose erklärt den Israeliten, wie Gottes Ordnung auf Erden umgesetzt wird, Mose vertritt Gott. Die Israeliten wünschen sich einen eigenen Zugang zu Gott und bilden sich einen Gott aus Gold, doch Gott spricht nur mit Mose. Mose hat ein exklusives Verhältnis zu Gott, das er mit niemandem teilt. Anders Luther (und diverse frühere Reformbewegungen): Er vertritt Gott nicht, er setzt nicht Gottes Ordnung auf Erden um. Luther weist uns nur mit Nachdruck darauf hin, dass Gott keinen menschlichen Fürsprecher braucht, da er sich uns in der Schrift bereits offenbart hat. Luther legt uns darauf fest, dass niemand sich anmaßen darf, mehr zu wissen als die Schrift. Und damit sich niemand das anmaßt, muss jeder – und jede! – die Bibel kennen. Gott hat sich allen offenbart, Gott hat seine Ordnung allen offenbart – und es gibt niemanden, der diese Offenbarung exklusiv besitzen kann, denn sie ist allen gegeben.

Wenn nun jeder und jede einzelne den Zugang hat zu Gottes Offenbarung, muss auch jeder und jede einzelne sich bewusst sein und darf niemals vergessen: Die Offenbarung, die Ordnung Gottes ist zu groß, als dass wir sie begreifen können; wir können allenfalls Ausschnitte sehen. Unser Bild der Ordnung Gottes ist immer auf Ausschnitte beschränkt, deshalb ist auch jeder Vertretungsanspruch – jedes vorgebliche Wissen darum, was falsch und was richtig ist – gegenüber Gott nicht gottgewollt.  Wenn wir unser Bild als Wahrheit setzen, uns also selbst zum Richter erheben über wahr und falsch, über gut und schlecht, wenn wir besser zu wissen meinen als andere, was Gott meint und ist – dann berauben wir Gott seiner Richterwürde, dann setzen wir uns als Mensch an seine Stelle, dann wenden wir uns von ihm ab.

Nicht Gott also ist intolerant, denn Gott ist allumfassend. Es ist der Mensch, der intolerant ist in seiner Beschränktheit. Wo das Vertrauen in Gott durch das kritiklose Vertrauen in einen Mittler zwischen Gott und den Menschen abgelöst wird, wo wir zulassen, dass die Weite Gottes in einen Bildausschnitt eingeschränkt wird, ersetzen wir die Unermesslichkeit Gottes durch die Beschränktheit unseres Wissens, Sehens und Verstehens. Frei sein von unseren Beschränkungen aber können wir nur in der Unermesslichkeit Gottes, die sich in niemandem als in Gott offenbart.


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