Jona und der Fisch
Predigt im Gottesdienst mit Kunterbuntem Kindersonntag

Ob es, liebe Gemeinde, wirklich so schnell und spontan vor sich ging, wie es das Buch des Propheten Jona beschreibt? Oder ob da nicht doch noch der eine oder andere Zwischenschritt nötig war? Aber hören Sie selber:

„Es geschah das Wort des Herrn zu Jona, dem Sohn Amittais: Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie: denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen. Aber Jona machte sich auf und wollte vor dem Herrn nach Tarsis fliehen und kam hinab nach Jafo. Und als er ein Schiff fand, das nach Tarsis fahren wollte, gab er Fährgeld und trat hinein, um mit ihm nach Tarsis zu fahren und dem Herrn aus den Augen zu kommen.“

Das Wort geschieht, Jona flieht. Abrupter kann man sich einen Aufbruch kaum vorstellen. Dabei ist Jona sicher kein dummer Mann. Und weil er nicht dumm ist, kann ich ihn mir gar nicht so trieb- und affektgesteuert vorstellen, dass er der ersten Regung seines Gemütes nachgibt und flieht. Fehlt da nicht was? Muss da nicht noch etwas geschehen sein zwischen dem Hören des Wortes und der Flucht? Und steckt nicht in diesen Stunden, Tagen oder Wochen, die uns die biblische Erzählung verschweigt, der bleibende Kern dieser Geschichte? Betrachten wir doch darum den Prozess, der dazwischen liegt, die Zeit zwischen Wort und Flucht.

Vielleicht ist Jona bei der Arbeit. Er sitzt am Schreibtisch, wie jeden Arbeitstag. Der Computer läuft, Akten stapeln sich auf der Tischplatte, zwischendrin steht eine leere Kaffeetasse. Jona grämt sich und grübelt. Er ist auf ein Problem gestoßen und überlegt fieberhaft, wie er es lösen kann. Zu viele Möglichkeiten scheinen vor ihm auf. Zu viele Wege, die er beschreiten kann. Er kommt nicht voran, soviel er auch nachdenkt und nachdenkt. Die Lösung bleibt verborgen, versteckt sich zwischen den vielen Zahlen und Buchstaben vor seinen Augen.
Vielleicht steht in diesen Wochen das Jahresgespräch an. Vielleicht wollte Jona in diesen Jahr endlich die nötige Gehaltserhöhung ansprechen. Es wäre so praktisch und hilfreich. Denn mit ein wenig mehr Geld auf dem Konto könnte er die alten Kredite mit den hohen Zinsen ablösen, die er für das Haus aufgenommen hatte, und durch neue, niedrigverzinste ersetzen. Oder hat er ein drittes Kind bekommen und in die normalen Autos passen doch hinten keine drei Kindersitze rein! Also muss ein neues Auto her und wieder wird er ein paar Tausend Euro zahlen müssen. Da ist der Erfolgsdruck hoch, der Druck, die Arbeit produktiv zu gestalten. Der Druck, dieses Problem zu lösen, das auch nach der dritten Tasse Kaffee noch vor ihm liegt.
Und auf einmal kommt dann doch dieser Moment, dieser Augenblick, in dem ihm alles klar wird. In dem er so deutlich vor Augen sieht, was ihm bisher verborgen war. Wie konnte er diese eine Rechnung, diesen einen Satz nur übersehen haben? Die Lösung des Problems liegt offenbar vor ihm, in diesem Falle hat sich die Quälerei gelohnt.

Vielleicht kommt Jona die Offenbarung auch beim Spazieren. Wie wenn er angesprochen würde von einem Fremden, wie wenn ein Mensch zu ihm spräche, den er doch zu kennen meint, so ist da auf einmal diese Stimme. Worüber Jona nachdachte auf seinem Abendspaziergang? Vermutlich über Gott und die Welt. Das ist ja immer ein gutes Thema und Inhalte finden sich schnell. Im Nachhinein kann Jona nicht einmal sagen, wie sich diese Stimme angehört hat. Ob sie laut, also als Schallwellen an sein Ohr kam, oder ob er sie nur in seinem Herzen gehört hat. Aber manchmal hört man eben solche Stimmen, solche suggestiven, überzeugenden Worte, die einem durch Mark und Bein fahren. Die man in sein Herze aufnimmt und dort bewegt.

Die Zweifel kommen erst abends am Kamin. Zuerst einmal die Zweifel daran: Jona sitzt da, hat sich vielleicht einen Tee gemacht. Er möchte angesichts dieser so noch nicht gehörten Stimme klar bleiben im Kopf, darum kein Wein heute. Er möchte verstehen, was ihm heute passiert ist. Und so sitzt er und denkt nach. Sinnt über die Stimme, die er an diesem Tag gehört hat. Über die Wahrheiten, die sich ihm aufgetan haben. Jona reflektiert sich – und zögert. Wer Stimmen hört, die sich keinen Sprechern zuordnen lassen, der gilt im besten Falle als überarbeitet, wenn er nicht aufpasst, gleich als schizophren. Und wer will das schon sein? Was ist das also für eine Stimme? Einbildung oder Realität? Oder eine reale Einbildung, die schon längst Realität ist, obwohl sie doch nur in seinem Kopf war? Oder ist die Gegenüberstellung schon falsch und die Stimme in seinem Kopf ist nur Teil seines eigenen Gedankenganges?
Fritz Schulz von Thun. So heißt dieser Mann, der vom inneren Team spricht, von den verschiedenen Stimmen in uns, die unser Verhalten immer wieder miteinander aushandeln. Die Miss Lexikon in mir, die mit der Experimentierfreudigen verhandelt, ob ich nach dieser Wahrheitserkenntnis losstürmen soll, oder ob ich erst einmal bedenke, was wohl das richtige Verhalten in dieser Situation sein könnte. Vielleicht ist es ja einfach das, das göttliche Wort in mir ist einfach eine neue Stimme mit besonderer Autorität, die sich in meinem inneren Team bisher noch nicht zu Wort gemeldet hatte.

Oder der bisher sehr gemäßigte Jona hat soeben zum ersten Mal gefühlt, wie es ist, von einer Wahrheit gepackt, gefesselt, gefangengenommen zu werden. Natürlich hat er alles schon gewusst, was sich ihm da offenbart. Es kommt ja kein neues Wissen in sein Gehirn, wenn nicht über die fünf Sinne. Aber vielleicht haben neue Synopsenzusammenschaltungen ja dafür gesorgt, dass er die Sache nun eben doch anders sieht. Und nicht nur, dass er jetzt etwas anders sieht als zuvor. Diesmal packt die neue Weltsicht sein ganzes Leben und lässt es so schnell nicht los.  
Und doch: Jona bleibt skeptisch. Denn woher sollte denn das neue Wissen kommen? Aus einem Himmel, in dem ein Gott sitzt, gleich einem Menschen mit Ohren zu hören und einem Mund, um zu reden? Aus einer Vernunft, die alle Menschen verbindet und heute hat er ihn erreicht, dieser Ausschnitt aus dem allgemeinen Weltwissen? Oder ist es nur, oder ist es gerade mein eigenes Wissen, mein Eigenstes, das sich da mir kundtut? Das sich mir aus der Tiefe meines Gehirns, meines Bauches, meines Herzens mitteilt?

Wie auch immer, das erkenntnistheoretische Problem der Erkenntnis und Erkennbarkeit Gottes, die Frage nach der Realität von Offenbarung muss nun unbeantwortet liegenbleiben. Denn diese Stimme hat eine suggestive, eine überzeugende Kraft, die keinen Aufschub duldet. Und in diesem Falle, bei Jona und für Jona hat sie diesen bestimmten, diesen bestimmbaren Inhalt. „Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie.“ Es stimmt. Jona weiß das. Bzw. er wusste das eigentlich schon, bevor es ihm die Stimme sagte: Die Bewohner von Ninive sind böse. Sie waren eigentlich auch schon immer böse. Schon immer haben sie ihre Nachbarvölker angegriffen, haben die Besiegten gequält und die Völker ausgebeutet. Jona kennt doch die Geschichten, die Amos über die Assyrer schreibt und über das Feuer, mit dem sie die Städte die Aramäer und Israeliten verbrennen. Er hat die Geschichten über die Menschen von Ninive bei Jesaja gelesen, die in Israel wüten werden, und wo heute 1000 Weinstöcke stehen, da werden danach nur noch Dornen und Disteln sein. Jona schaut die Nachrichten und sieht, wie in Ninive oder in Mosul, wie andere es nennen, die kriegsgefangenen Soldaten hingerichtet werden und die Frauen in die Sklaverei verkauft. Jona weiß, dass diese Botschaft gesagt werden muss. So richtig ist sie, so plausibel, so stimmig. Es ist so, als ob sich alles zusammenfügen würde. In das Grübeln über Gott und die Welt hinein hat sich ihm eine Wahrheit offenbart.

Ja, Jona weiß, dass die Stimme recht hat. Jona weiß, dass er nach Ninive gehen muss. Irgendjemand muss es doch machen und dieser schrecklichen Stadt alle ihre Sünden vorhalten! Und da er nun doch um sie weiß, da er nun doch diese innere Überzeugung ist sich fühlt, warum sollte er da nicht gehen?

Die Wahrheit hat ihn gepackt, doch Jona will sich nicht packen lassen. Jona zweifelt. Nicht mehr über die Stimme in seinem Kopf, sondern über die Frage, ob er es sein muss, der die Botschaft überbringt. Immer noch sitzt er am Feuer und denkt nach. Vielleicht steht er inzwischen auch vor einer Flipchart. Hin und her bewegt er die Vor- und die Nachteile, die dieses und macht eine Kosten-Nutzen-Analyse. Links die Kosten, die Contras, rechts der Nutzen, die Pros.

Die Pros sind schnell beisammen. Aber die Liste der Contras füllt sich immer mehr, wird immer länger. Warum soll ich das machen? Gibt es keinen anderen, den Gott schicken kann? Habe ich nicht hier ein gutes Leben und muss es nicht eintauschen gegen diesen schweren Auftrag? Und ist dieser Auftrag überhaupt durchführbar? Wenn die Bewohner von Ninive so böse sind, wie ich es ihnen verkündige, werden sie mir überhaupt zuhören? Oder noch viel schlimmer, werden sie mich nicht, wenn sie mir zuhören, in ihrer Bosheit gleich töten? Kann man nicht auf angenehmere Weise Selbstmord machen als durch eine Reise in eine Stadt voller Bosheit?

Je länger Jona darüber nachdenkt, desto bedrängter fühlt er sich, desto eingeengter. Die Arbeit scheint ihm über den Kopf zu wachsen. Noch viel schlimmer, sie scheint über seinem Kopf zusammenzubrechen. Das Gebäude, das sein Leben ausmacht, wankt bedenklich und droht ihn bei seinem Einsturz zu zerdrücken. Die Größe der Aufgabe übermannt Jona, raubt ihm die Luft zum Atmen, lässt sein Herz schneller schlagen. Ihm wird übel im Bauch beim Gedanken an das, was ihm bevorsteht. Je länger Jona über seinen Auftrag nachdenkt, über das Verhältnis der in diesem Auftrag steckenden Wahrheit und den Kosten und Mühen, die er wird aufbringen müssen, um ihn umzusetzen, desto matter fühlt er sich. Jona sitzt am Kamin, schaut auf das Feuer, das inzwischen heruntergebrannt ist. Er sieht die Holzscheite, die nur noch glimmen und erkennt sich selbst in ihnen wieder. Wie diese fühlt er sich. War Feuer und Flamme von der Wahrheitserkenntnis und ist jetzt doch regelrecht ausgebrannt.

Jona blickt um sich und er erkennt nur noch schwarze Dunkelheit. Wie wenn er Scheuklappen aufgesetzt hätte, kann er nichts mehr erkennen, was an seiner Seite ist. Nur noch eines erkennt er: ganz in der Ferne, am andern Ende der Welt den verheißungsvollen Namen Tarsis. Weg, nur weg, raus, nur raus aus den Zusammenhängen, die ihn zu erdrücken scheinen.

Jetzt, jetzt endlich sind wir an dem Punkt. Jona bricht auf, geht zum Meer, zum Hafen, schifft sich ein, voll der Hoffnung, entfliehen zu können. Entfliehen seiner Pflicht, entfliehen seinem Leben. Aber es geht nicht. Tarsis, diese Stadt am andern Ende des Mittelmeeres, kommt kaum näher. Denn der Wind hat anderes vor. Braut sich zu einem Sturm zusammen. Nicht lässt er nach, der Sturm. Die Matrosen können arbeiten, können beten, nichts beruhigt die See. Jona verzweifelt. Auch diese Flucht befreit ihn nicht vom Druck, der auf ihm lastet. Nicht einmal Tarsis am andern Ende der Welt kann ihn retten. Ausweglos verzweifelt Jona an allem, an der Wahrheit, die er erkannte, an seiner Flucht, an seinem Leben. Jona springt, macht den Sprung hinaus aus dem Leben mitten ins Meer. Der Ausgebrannte kann nicht mehr und gibt auf. Verloren gibt er sich verloren und macht ein Ende.

Aber die Wahrheit macht nicht Schluss mit ihm. Die Wahrheit lässt ihn nicht ziehen. Sein Auftrag ist noch nicht abgeschlossen, Jona darf noch nicht die Bühne verlassen. Auf dem Weg zum Boden, im Fallen, im Sinken wird Jona ergriffen. Erfasst ihn der Fisch, den Gott gesandt hat, packt ihn das Zeichen der Hoffnung. Der Fisch, das ist das Zeichen der ersten Christen. Das griechische Wort für Fisch, der Ichtys steht für die Rettung. Ein Anagramm: Jesus Christus, theou hüios, Soter. Jesus Christus, Gottes Sohn, der Retter. So malten es die ersten Christen in Rom an die Wände der Häuser als ein geheimes Zeichen gegen die Verfolgungen. So redete Jesus vom Zeichen des Jona und meinte seine rettende Auferstehung. So basteln unsere Tauffamilien Fische und drücken damit aus, dass ihr Kind zur Gemeinde Gottes gehört. Der Fisch in seiner ganzen symbolischen Aufladung erfasst den Jona, verleibt ihn sich ein, schluckt ihn. Und dadurch, dass Jona aufgenommen wird in Gott, wird er errettet. Er sinkt nicht mehr, er verfängt sich nicht mehr in den schlingenhaften Verstrickungen seines Lebens. Er erfährt Geborgenheit, Zuflucht, Schutz. Im Ausgebrannten entzündet sich ein neues Licht, wie die Kerze im Bauch des Fisches aus der Geschichte von Pinocchio so leuchtet auch dem Jona ein neues Licht. Und dieses Licht schenkt ihm neue Lebenskraft, ermutigt ihn, lässt ihn neu aufbrechen. Durch den Bauch des Fisches, durch die Geborgenheit in Christus kommt Jona zu neuer Kraft. Kann Jona nun seinen Auftrag annehmen.

Jona geht nach Ninive. Sie kennen den Rest der Geschichte: Jona predigt den Menschen von ihrer Bosheit. Er ruft ihnen das Gericht zu. Er baut das Bild eines Gerichtes auf, das über ihnen einzustürzen droht. Nun sind es die Bewohner von Ninive, die sich ausgebrannt und ausweglos fühlen. Doch auch sie finden Trost, erfahren Rettung, wo alles Handeln sinnlos erscheint. Indem sie sich Gott zuwenden, wird Gott auch ihr Retter. Doch das ist eine andere Geschichte. Für heute soll es uns genügen, auf die Rettung von Jona zu blicken und die Hoffnung zu behalten, dass Gott auch uns rettet, indem er uns in sich einverleibt. Geborgen in Christus, dem Retter, umgeben wie im Bauch einer Mutter. Das zu wissen tut gut, wenn die Wasser über uns zusammenzubrechen scheinen. Amen. 


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