Ein moraltheologisches Seminar mit Nathan und David
2. Buch Samuel 12

Bekanntermaßen, liebe Gemeinde, 

hat der moderne Universitätsbetrieb seine Wurzeln in der Akademie des Aristoteles und in Bologna. Aber auch 500 Jahre vor Aristoteles gab es schon Bildung und schon am Königshof von David gab es das Streben nach Wissen und Erkenntnis. Lassen Sie uns einen kleinen Blick werfen in die Bildungsbemühungen, die König David und sein Hofprophet Nathan unternehmen. Lassen Sie uns als Zuhörer mithören bei einer Seminarstunde am Hofe des Davids, von der uns die Bibel im Zweiten Buch Samuel berichtet:

„Mit zwei Fragen, lieber David, wollen wir unser heutiges moraltheologisches Seminar beginnen.“ So, liebe Gemeinde, könnte Nathan vor seinen König getreten sein. Und David, immerhin König einer aufstrebenden Mittelmacht, ein großer Hobbydichter und frommer Jude lässt sich gerne auf das philosophische Glasperlenspiel ein. „2 Fragen? Nun denn, wie lauten sie?“

Das Seminar beginnt und Nathan stellt die Worte in den Raum, um die sich die Gedanken drehen sollen. 1.: Wann wird das Böse böse? Wo ist der Punkt, an dem eine Tat kippt und nicht mehr gut, sondern böse ist? Und 2.: Was ist die gerechte Reaktion auf das Tun des Bösen?

David hört die Fragen. Er nimmt sie auf in seinen Verstand, bewegt sie in seinem Herzen. Doch er bekommt sie nicht so ganz zu fassen. Sie bleiben ihm zu abstrakt. Er bittet Nathan, die Fragen zu konkretisieren, vielleicht, sie mit einer Geschichte zu verknüpfen. Ein Beispiel, ein Gleichnis zu nennen. Nathan muss nicht lange überlegen, bis ihm ein Gleichnis einfällt. Und so erzählt er:

Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß und er hielt's wie eine Tochter. Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er's nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war, sondern er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war.

Davids Gedanken werden klarer. Das Gleichnis visualisiert die Frage nach der Gerechtigkeit und lässt ihn schnell eine erste Lösung der ersten Frage finden. Es hat ein Verbrechen stattgefunden, soviel ist klar. Dieses Verbrechen war ein Diebstahl. Und nicht nur das, indem der reiche Mann dem Armen sein einziges Schaf gestohlen hat, hat er ihn auch eines Teiles seiner Existenzgrundlagen beraubt. Je nach Glück oder Unglück im weiteren Geschehen könnte daraus ein Mord werden, wenn die Familie des Armen nun verhungern muss.

Auch das Motiv erkennt David klar. Zum einen ist da natürlich Geiz mit im Spiel. Der Reiche hätte genug, um den Gast aus seinen Mitteln zu bewirten. Aber wer gibt schon gerne von seinem Gut her, wenn es nicht unbedingt sein muss. Lieber gebe ich doch das Gut des Anderen her. Hinzu kommt, dass der Reiche die Macht dazu hat, dem Armen das Schaf zu nehmen. Indem er aber seine Macht, die er nun einmal faktisch besitzt, dazu verwendet, sich das Schaf anzueignen, missbraucht er seine Macht. Machtmissbrauch zwischen Menschen ist wiederum ein Zeichen für eine bestimmte Haltung, in der sich ein Mensch in die Begegnungen mit seiner Umwelt begibt. Dem Menschen, der seine Beziehung zum Nächsten so gestaltet, dass er sich über ihn stellt, dass er ihn beherrscht, dem fehlt die Nächstenliebe.

Und auch die zweite Frage will ich Dir beantworten: Was ist die gerechte Reaktion auf das Tun des Bösen? Zornig ist David geworden über sein Nachdenken und so spricht er zu Nathan: So wahr der HERR lebt: Der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat! Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan und sein eigenes geschont hat.

Sehr gut, erwidert Nathan. Weise hast Du geantwortet und das Böse in der Geschichte gut erkannt. Doch ist die Frage noch nicht beantwortet, warum das Handeln des Reichen ins Böse gerutscht ist. Lass dir eine andere Geschichte erzählen. Es war einmal ein König. Auch der hatte alles, was eines Königs Herz begehrt. Er hatte ein großes Reich, eine starke Armee, eine prunkvolle Hauptstadt mit einem komfortablen Palast. In diesem Palast wohnte er mit seinen Frauen. Den Töchtern der anderen Könige, die er geheiratet hatte. Den Schönsten des Landes, die er in seinen Harem geholt hatte. Eines Tages, es war ein schöner Herbstabend und seine Soldaten waren für den jährlichen Kriegszug ausgezogen, eines Abends ging er nach getaner Regierungsarbeit auf das Dach seines Palastes. Er schaute über seine Stadt und sah sich um, ob alles seine Ordnung habe.

Da blieb sein Blick auf einem Dach unterhalb seines Palastes hängen. Dort wusch sich gerade eine Frau. Als er sie sah und als er sie betrachtete, verlangte es ihn danach, sie bei sich zu haben, ihren Körper in seinen Armen zu spüren. So affiziert, so angezogen ist er von dieser Gestalt, von ihrer Schönheit, von ihrer Attraktion, dass er darüber alles Nachdenken vergisst. Die Anziehungskraft dieses weiblichen Körpers, nur um den Körper geht es, er kennt die Frau ja gar nicht, dessen Anziehungskraft ist so stark, dass er nicht anders kann, als ihr nachzugeben. Er schickt jemanden los, der die Frau holt, er nimmt sich ihren Körper und schickt sie heim.

 

David hat sich von seinem Zorn über das Unrecht des reichen Mannes noch kaum erholt, da erkennt er, worauf Nathan hinauswill. Ihm wird ganz anders zumute, denn er erkennt sich wieder, sowohl im reichen Mann, als auch im König der zweiten Geschichte. Es war Batseba, die dort auf dem Dach stand und sich wusch. Es war die Frau seines hetitischen Hauptmanns Uria, der mit den Soldaten im Feld lag.

David hebt an und rechtfertigt sich: Ja, es war ein Fehler, eine Affäre mit einer verheirateten Frau zu beginnen. Es war falsch, meinen eigenen Soldaten so zu betrügen, dass ich ihm seine Frau für diese Nacht raube. Falsch war es sicher, aber nicht böse. Denn wem habe ich denn etwas weggenommen? War Uria da? Hätte er an meiner Stelle liegen können? Habe ich Batseba nicht nach der Nacht wieder nach Hause geschickt? Hätte Uria jemals etwas davon erfahren?

Natürlich, Batseba ist schwanger geworden. Ich hätte es wissen können, hätte es wissen müssen. Sie vollzieht ihre rituellen Waschungen und kommt dann wieder in die fruchtbare Zeit ihrer Periode. Aber ganz ehrlich: Wieso wäscht sie sich auch da, wo ich sie vom Palast aus sehen muss? Wollte sie nicht, dass es genau so kommt?   

Und dann, selbst als sie schon schwanger war, wollte ich die Situation doch retten. Ich habe doch extra Uria für ein Urlaubswochenende aus dem Feld zurückbeordert, damit er mit Batseba schlafen kann und es so wirkt, als sei er der Vater. Alles hätte sich so gut ausgehen können, wenn dieser halsstarrige Soldat sich einfach einmal etwas gegönnt hätte, anstatt sich nachts zur Palastwache zu legen. In der zweiten Nacht habe ich mit ihm sogar gefeiert und gezecht, um ihn in die Arme seiner Frau zu treiben. Aber er musste ja prinzipientreu bleiben.

Ich sage Dir, Nathan, was böse ist. Böse ist es, eine Armee aufzubauen, die ihre Feinde in Massenexekutionen erschießt. Die die Frauen der anderen Volksgruppen systematisch vergewaltigt. Die Menschen anderen Glaubens kreuzigt und so der Öffentlichkeit zur Schau stellt. Die Geiseln mit Taschenmessern köpft. Die all diese Schreckenstaten in Bilder fasst und diese Bilder stolz um die Welt schickt. Das, Nathan, ist böse. Nicht eine kleine Affäre mit einer schönen Frau.

Natürlich, so David, musste Uria sterben, nachdem er so halsstarrig war. Es war ja nicht mehr zu verbergen, dass seine Frau Batseba schwanger geworden war von einem anderen Mann. Was wäre denn passiert, wäre er heil nach Hause gekommen? Vermutlich hätte er seine Ehefrau steinigen lassen wegen Ehebruchs. Wäre das etwa besser gewesen? Und dann bedenke folgendes, mein lieber Nathan. Uria ist im Krieg gestorben. Im Krieg wird nun einmal gestorben. Das einzige, was ich gemacht habe, war, ihn in die erste Reihe zu beordern. Hätte ich das nicht getan, dann wäre ein anderer an seiner Statt gefallen. Du siehst, ich bin es, der Mann, von dem du sprichst. Aber so böse bin ich im Vergleich mit den Assyrern, den Schlächtern der südamerikanischen Diktaturen, den deutschen Schutzstaffeln oder den selbsternannten Gotteskriegern des IS nicht.

Und doch, so antwortet Nathan, musst Du zugeben, dass du dich in Schuld und Sünde verstrickt hast. Eine affektgetriebene Gedankenlosigkeit. Ein kleines Spiel mit der kurzen Befriedigung. So fing alles an. Und genau das ist es ja, dass Du aus dem Kleinen heraus dich so sehr ins Große hast verstricken lassen, dass am Ende ein Mensch tot sein musste. Genau nach diesem Übergang habe ich gefragt: Wo genau ist aus der Gedankenlosigkeit deiner Begierde etwas Böses geworden? Oder andersherum, falls Du im konkreten Fall die Fragen nicht beantworten kannst: Könnte es nicht sein, dass in jedem Handeln das Tun des Bösen schon mit angelegt ist? Könnte es nicht sein, dass wir gar nicht anders können, als auch im Tun des Guten das Böse als Wirkung mitdenken zu müssen? Du erwähnst all die bösen Menschen und Gruppierungen die es so gibt. Ja, die gibt es. Und könnte es nicht sein, dass wir selber, wenn wir das Gute wollen, manchmal gar nicht anders können, als das Böse zu tun? Könnte es nicht sein, dass wir Bomben auf Menschen werfen müssen, dass Menschen sterben müssen, damit nicht noch viel mehr Menschen sterben? Kann es nicht sein, dass die Logik der Hohepriester gar nicht so falsch ist? Es ist besser, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe? Du siehst, David, dass es mit dem Übergang zwischen Gut und Böse nicht so einfach ist. Du siehst, dass du dich, auch wenn deine Anfangstat sicher nicht so schlimm wie Mord und Totschlag war, genau mit ihr hineinbegeben hast in einen Kreislauf, ja, in eine Spirale der Sünden, aus der Du nicht mehr herauskommen konntest.

Und weil die Sünde ist, wie sie ist. Und weil der Mensch ist, wie er ist, Und weil du der Mann bist, der dies getan hat, spricht der HERR, der Gott Israels: Ich habe dich zum König gesalbt über Israel und habe dich errettet aus der Hand Sauls und habe dir das Haus Israel und Juda gegeben. Warum hast du denn das Wort des HERRN verachtet, dass du getan hast, was ihm missfiel? Uria, den Hetiter, hast du erschlagen mit dem Schwert, seine Frau hast du dir zur Frau genommen, ihn aber hast du umgebracht durchs Schwert der Ammoniter. Siehe, ich will Unheil über dich kommen lassen aus deinem eigenen Hause und will deine Frauen nehmen vor deinen Augen und will sie deinem Nächsten geben, dass er bei ihnen liegen soll an der lichten Sonne. Denn du hast's heimlich getan, ich aber will dies tun vor ganz Israel und im Licht der Sonne.

Da sprach David zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen den HERRN.

Nathan sprach zu David: Dieser Satz ist der Anfang. Du hast es eingesehen. Du hast wahrgenommen, dass Du nicht gerechter bist als die Anderen. Du hast festgestellt, dass der Kern der Sünde im Kern deines Handelns angelegt ist. Du hast Dich dazu bekannt und deine Schuld eingestanden. Du hast festgestellt, dass du dich selber aus der Sünde nicht befreien kannst. Du weißt, dass Du in die Sünde selbst da verstrickt bist, wo Du es gut zu machen versuchst. Du hast dich in der Erkenntnis dieser deiner Schuld deinem Herrn und Gott ausgeliefert. So hat auch der HERR deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben. Der Herr hat sich deiner erbarmt und dich trotz deiner Schuld erlöst.

Der moraltheologische Unterricht ist für diesen Tag beendet. Und Nathan ging heim.


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