Wir singen unser Leben
Offenbarung des Johannes 15,2-4

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

What does the fox say? Habt Ihr es eigentlich inzwischen herausbekommen? Wisst Ihr inzwischen, ob der Fuchs wirklich Ikedi-Ik sagt oder wapa-pa-pa-pa-pa-pow?

Liebe Gemeinde,

im Herbst, als wir zur Konfifreizeit fuhren, war das gerade der Hit auf Youtube. Innerhalb von wenigen Tagen wurde dieser Song Millionen Mal angeklickt und einige dieser Klicks kamen während der Freizeit dazu. Aus den verschiedenen Zimmern des Hauses konnte man immer mal wieder dieses Lied hören und dazu die Jugendlichen, die wahlweise die erdachten Fuchsgeräusche mitmachten oder mit den Mitsängern mitlachten.

Das Lied What does the fox say ist erst einmal Klamauk. Der Text ist absurd, das Video spielt mit all unseren Sehgewohnheiten des Schönen. Die Melodie ist eingängig und der Refrain setzt sich schnell als Ohrwurm fest. Aber darüber hinaus, über das Spaßhafte, das die beiden norwegischen Kabarettisten der Band Ylvis in ihr Lied packen, verweist dieser Song auch auf eine tiefere Dimension des Singens.

Aber bevor ich zu dieser tieferen Dimension des Singens, zur Besonderheit von Liedern komme, muss ich doch ein bisschen ausholen und bei dem anfangen, was Lieder grade nicht sind. Ich muss kurz dozieren und spreche damit die rationale, die sprachlich-vernünftige Dimension Eurer und Ihrer Erkenntnis an. Welt erkennen wir, indem wir sie sprachlich durchdringen. In Wörtern, in Sätzen beschreiben wir unsere Wirklichkeit. Z.B. Sätze wie: Das ist ein Rednerpult, an dem ich stehe. Dort drüben sitzen Jugendliche, die wir heute konfirmieren. Und heute ist nach dem gregorianischen Kalender der 18. Mai 2014. Solche Sätze, mit denen wir unsere Welt beschreiben, sind vermittelbar. Wir teilen sie mit, wir teilen ihren Inhalt mit den Anderen und darum können wir uns verstehen. Weil wir uns darauf einigen, dass Gesagtes und Gehörtes übereinstimmen, und weil wir uns darauf einigen, dass das Gesagt-Gehörte mit dem übereinstimmt, was wir beschreiben wollen.

Aber neben dieser Art, die Wirklichkeit zu erkennen, gibt es aber noch andere Arten. Neben der rationalen Erkenntnis gibt es auch die emotionale, die soziale, die körperliche Erkenntnis. Wir haben z.B. Gefühle. Wir erspüren Stimmungen. Wir spüren, ob uns der andere, der neben mir in der Bank sitzt, mag und ob wir ihn mögen. Wir spüren, ob uns etwas langweilig ist oder ob es uns packt und fesselt. All diese Dinge fallen in den Bereich der emotionalen und der sozialen Erkenntnis.

Und wir nehmen ganz konkret körperlich wahr. Wir merken, dass diese Kirchenbank nach einer dreiviertel Stunde am Rücken drückt und dass der Druck aufhört, wenn ich gleich zum Abendmahl aufstehe und ein paar Schritte gehe. Wir merken, wenn wir abends müde ins Bett fallen, dass wir heute etwas geleistet haben. Wir spüren, dass wir krank sind, auch wenn der Arzt die Ursache nicht findet.

Kurzum, wir erkennen vieles, wir nehmen viel Wirklichkeit wahr jenseits unserer sprachlichen Vernunft. Wenn wir dieses Viele, das wir wahrnehmen, aber allein schon uns selbst erklären wollen, und noch viel mehr wenn wir es mit unseren Nächsten teilen wollen, dann wird es bisweilen schwer. Wir ringen um Worte, suchen Sätze, in die wir fassen können, was uns da begegnet. Wir erkläre ich Liebe? Wie beschreibe ich in Worten, was für mich Glaube ist? Wie soll ich verdeutlichen, was ich unter Gott verstehe?

An dieser Stelle bekommt Dichtung ihre Bedeutung. An dieser Stelle treten die Lieder in mein Leben. Denn Dichtung bringt die Teile meiner Erkenntnis in Sprache, die ich vor und neben aller Rationalität erkenne. Im Gedicht, im Liedtext kann ich die von mir wahrgenommene Realität auch einmal probeweise in Sprache bringen. Im Gedicht kann ich das sagen, dessen Wirklichkeit ich nicht beweisen kann. Im Gedicht wird das Sprache, wofür ich sonst keine Worte finde.

Und indem ich ein Gedicht mit Musik verbinde, indem ich singe, füge ich dem Gedicht noch eine weitere Dimension bei. Ich reichere den Worttext durch den Gefühls- und Stimmungstext der Musik an. Ich verbinde die Tiefe der des Denkens mit der Tiefe des Fühlens.


Ein Lied ist uns heute als Predigttext mit auf den Weg gegeben. Es steht in der Offenbarung des Johannes, in diesem letzten Buch der Bibel, in der nocheinmal alles zusammengefasst wird, der Anfang und das Ende, Gott und Welt, Ich und Du.

Und ich sah, und es war wie ein gläsernes Meer, mit Feuer vermengt; und die den Sieg behalten hatten über das Tier und sein Bild und über die Zahl seines Namens, die standen an dem gläsernen Meer und hatten Gottes Harfen und sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker. Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig! Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden.

Da sitzen die Engel auf den Wolken und singen. In der Hand haben sie ihre Harfen und in ihren Herzen haben sie Gefühle, die zur Sprache drängen. Aber sie finden keine Worte. Wie soll man auch das beschreiben und erklären, was die Engel da fühlen? Wie soll sich dafür Sprache finden lassen, was die Herzen der Engel bewegt? Darum singen sie. Darum greifen sie auf ein altes Lied zurück, darum vertrauen sie den alten Worten und hoffen, dass sie im Singen so ganz gegenwärtig werden. Das Lied des Mose. Ein altbekanntes Lied, eine altbekannte Geschichte. Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott!

Die Engel singen mitten hinein in die Zeit einer großen Christenverfolgung. Um 100 n. Chr. ist es ungemütlich geworden für die Mitglieder der jungen Kirche. Kaiser Domitian verlangt, dass man seine Standbilder in jeder Stadt anbete. Und wer sich weigert, der wird bestraft. Der verliert sein Vermögen, seine Freiheit, riskiert sein Leben. Was soll die junge Gemeinde dem römischen Staatsapparat entgegensetzen? Sollen sie diskutieren? Sollen sie vor Gericht ziehen und den Kaiser wegen seiner Willkürherrschaft anklagen? Vor ein Gericht, das als obersten Gerichtsherren genau diesen Kaiser hat? Rationale Sprache ist machtlos gegen diese Form der Bedrückung. Also fangen die Christen an zu singen und geben ihren Gefühlen Sprache. Mit den Engeln fallen sie ein in das Lied des Mose.

Ihr erinnert Euch an die Geschichte von Mose. Der das Volk Israel aus der Knechtschaft in Ägypten befreite. Der vor den Pharao trat und ihm die Hebräer abrang. Ihr erinnert Euch: an den Apfelmus-Nuss-Brei, der an die Ziegel erinnert, die Israel brennen musste. An den Meerrettig, der an die Qualen in Ägypten erinnert. An die Tränen der Hebräer, die wie Salzwasser schmeckten. Und ihr erinnert Euch an den Sieg Gottes gegen Knechtschaft, gegen Sklaverei. Ihr erinnert euch an die Feuersäule, die des Nachts den Weg in die Freiheit zeigte und an die Wolkensäule, die das Volk Israel vor den Ägyptern beschützte. Ihr erinnert euch an den Durchzug durchs Schilfmeer und an das Freudenmahl, das die Geretteten auf der anderen Seite des Meeres aßen. Süß wie Traubensaft, duftend wie ein frisches Brot. Mose stand am Ufer des Meeres, gerettet vor den Feinden, befreit aus der Knechtschaft. Erklären konnte er nicht, was da geschehen war. Aber er konnte singen. Und so sang er. Sang von der Größe Gottes und seiner Werke. Sang davon, wie Gott die befreit, die ihm glauben.


Glaube nimmt seinen Ausgang im Herzen. Nun ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft und ein Nicht-zweifeln an dem, was man nicht sieht. So heißt es im Konfirmationsspruch von Fabian. Glaube lebt erst einmal im Herzen, im Gefühl, in tiefsten Innern.

Aber Glaube will heraus. Wer glaubt, der will darüber sprechen. Der will seinen Glauben zu Sprache bringen. Der will seinem Glauben eine Form geben. Und wer glaubt, der will sich darüber austauschen, was er glaubt und warum. Auch dafür braucht es Sprache. Wer glaubt, der will sprechen. Und doch fällt es so schwer, seinen Glauben in Sprache zu bringen, vor allem den Glauben durch den Verstand in eine vernünftige Form zu bringen. Wir haben es im Konfirmationsunterricht immer wieder versucht. Und sind immer wieder in unseren Versuchen auch steckengeblieben. Das ist normal, da, wo es um Glauben geht.

Darum brauchen wir die Lieder – darum singen wir. Weil wir, indem wir singen, unseren eigenen Glauben probeweise in Worte fassen können. Weil wir versuchsweise versprachlichen können, was uns da in unserem Herzen bewegt. Es können Worte sein, wie die, die Mose damals am Meer gesungen hat. Es können andere Lieder sein, die uns Sprache und Gefühl verleihen. Einige haben wir im Unterricht gehört. Im Zweifel für den Zweifel von Tocotronic. Das Haus am See von Peter Fox. Oder eben Ylvis.

In den letzten Monaten im Konfirmationsunterricht habe ich versucht, mit möglichst wenigen Imperativen auszukommen. Aber heute kann ich nicht anders und sage: hört nie auf zu singen. Hört nie auf, euren Gefühlen und eurem Glauben Sprache zu geben. Hört nie auf, das auszudrücken, was Euch in euerm Innersten bewegt.

Ob die anderen Euch verstehen, ob sich richtig finden, was ihr da sagt und singt. Ob ihr euch selbst versteht, das wird sich dann zeigen. Aber das Gute an Dichtung, das Gute an Liedern ist, dass es in ihnen kein richtig und falsch gibt. Darum singt, singt euer Leben lang. Gott inspiriere euch dabei und schenke euch Worte, wenn ihr keine eigenen findet.

Amen


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